Analog

Was ich noch vor einem halben Jahr nie für möglich gehalten hätte, ist nun eingetreten – ich bin voll vom Analogvirus infiziert. Ich würde zwar nicht soweit gehen wie Eric Kim und mein Digitalgedöns komplett verkaufen, aber vor ein paar Wochen wurde mir urplötzlich klar, dass mich das alles nicht mehr restlos befriedigt und ich etwas neues ausprobieren muss. Und wennschon etwas neues, dann etwas richtig neues und anderes – Mittelformat. Nach tagelanger Recherche habe ich mir schliesslich in der Bucht eine Hasselblad geschossen. Mal geboten um Schicksal zu spielen, und der vergleichsweise niedrige Betrag hat sogar gewonnen. Fast etwas erschrocken. Aber auch Freude.

Das erste Probeshooting ist nun schon ein paar Wochen vorbei. Der aufregende Nachmittag mit dem ersten eigenen Entwicklungsversuch ebenfalls. Das leichte Chaos mit den Entwicklungszeiten. Die anschliessende nervenaufreibende Analyse was mit meiner Kamera nicht stimmen könnte, um dann herauszufinden dass ich, ahnungslos und euphorisch wie ich war, die Füllmenge meines Entwicklungstanks falsch berechnet hatte. Jetzt hat jedes Negativ einen hellen Streifen. Lehrgeld. Dann das Warten auf den bestellten Scanner. Stornieren. Einen anderen woanders bestellen.

Und jetzt, heute ist es soweit. Ich sehe endlich was ich da fabriziert habe. Und ja, die Bilder haben nicht nur dunkle Streifen am Rand, sie sind auch tendenziell überbelichtet (oder überentwickelt? Woher weiss man das eigentlich?) und teilweise unscharf. Aber das sind meine Bilder, gemacht mit einer rein mechanischen Kamera, von mir im Entwickler geschaukelt, gespült und anschliessend getrocknet. Bei jedem kleinsten Zwischenschritt kann ich lernen, ausprobieren, mich verbessern. Anfassen. Ich kann die Bilder anfassen, die Entstehung anfassen. Das ist tausendmal aufregender als jeder Fantastillionen-Megapixel-Sensor, glaubt mir. Und jeder, der etwas für Fotografie übrig hat, sollte das mal gemacht haben.

Und ja, Digitalbilder haben im Vergleich einfach etwas künstliches. Ich kann es nicht erklären, aber auch aus diesen technisch so wenig optimalen Bildern springt sofort dieser analoge Charme heraus. Digital ist absolut grossartig und hat so viele Vorteile, die ich nicht extra aufzählen muss. Aber ein Digitalbild kann für mein momentanes Empfinden einfach niemals so gut Gefühle und Stimmungen transportieren. Analog ist mitten aus dem Leben, Digital ist Hollywood.

Hier nun das schönste Motiv meines ersten belichteten Rollfilms. Bewusst habe ich nichts weggeschnitten oder wegoptimiert. Dies ist das ungefilterte Ergebnis dieses Versuchs, und ich freue mich riesig auf alles was in diesem Bereich noch kommen wird.

(6) Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hey Thomas,

    bei deiner Begeisterung muss man sich einfach mitfreuen!

    Digital vs analog ist ein Thema für sich. Ich glaube aber, dass es das nicht nur bei der Fotografie gibt, sondern auch (z. B.) beim Malen / Zeichnen und im Bereich der Musikproduktion. Bei letzterer wird mittlerweile alles virtualisiert, was nur möglich ist. Aber wenn ich dann z. B. in einer Rekording-Umgebung über einen Software-Gitarrenverstärker spiele, ist das was völlig anderes, als über einen echten (und womöglich alten) Amp zu spielen.

    Schlimmer noch (aber schon wieder ein anderes Thema) ist es, wenn z. B. Keyboarder per Tastatur Gitarren oder Streicher spielen …

    Wie auch immer – ich bin auf weitere Analogbilder von dir gespannt!

    Jörn

  2. Ich bin schon gespannt auf deinen zweiten Film.
    Die Angewohnheit das geschossene Foto auf dem Display zu betrachten, funktioniert bei analog nicht. Deshalb ist es bei mir so, dass ich mich automatisch mehr auf den Sucher konzentriere, und mir das Foto im Kopf einpräge.
    Beim entwickeln ist es dann spannend zu sehen, inwiefern das geschossene Foto vom eingeprägten abweicht.
    Ausserdem hat bei mir das analog Fotografieren, dazu geführt das ich weniger Ausschuss bei den digitalen Fotos habe. Es entstehen aber auch weniger Fotos.
    Ich möchte weder analog noch digital hergeben.

  3. Hoi Thomas

    gratuliere zur Hassi und zum ersten Film. Ich finde es immer etwas besonderes, einen Film aus dem Tank zu fischen und die Ergebnisse in der Hand zu halten. Das ist der Reiz des Analogen.

    Bezüglich unterbelichtet/unterentwickelt ist es so: es gibt für jeden Film eine Kombination aus “Belichtet wie ASA xxx” und der passenden Entwicklungsdauer (hängt ja auch vom Entwickler und dessen Konzentration ab). Wenn die negative zu hell sind, einfach das nächste Mal mehr belichten oder länger entwickeln. Sonst gerne auch Tipps per pm.

    Bin schon gespannt auf den zweiten
    Marc

  4. Hallo Marc,
    danke für deinen Kommentar, aber biiiitte nicht Hassi sagen! ;-)
    Das Problem beim Entwickeln war, dass der Beipackzettel des Entwicklers und die iPhone-App MassiveDev etwas unterschiedliches bezüglich der Entwicklungszeit für diesen Film gesagt haben. Ich habe dann so etwa die goldene Mitte genommen, aber vermutlich hätte ich dem Entwicklerzettel vertrauen sollen?

  5. Hallo Thomas

    dann nenn’ ab jetzt nur noch meine so ;)
    Mit der Massive Dev Chart hab ich sehr gute Erfahrungen gemacht. Entwicklungsergebnisse sieht man gut am Rand mit der Schrift. Der sollte im negativ ganz hell sein und die Schrift ganz dunkel. Oder sonst mal ne Belichtungsreihe machen und mit der selben ISO auch noch mal digital zum Vergleich. Welchen Film/Entwickler hast du denn genommen?

  6. Also die Entwicklung scheint demnach gar nicht das Problem zu sein. Rand ist durchsichtig, Text tiefschwarz. Da muss ich wohl einfach besser auf die Belichtung achten. Danke für den Hinweis!

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